Karies: (K)eine Frage des Gewichts

Wer zu viel oder zu wenig wiegt, lebt mit einem höheren Risiko für ganz unterschiedliche Krankheiten. Ob das auch für Karies gilt, haben nun australische Wissenschaftler untersucht.

Ernährung und Gewicht spielen eine wichtige Rolle dabei, wie gesund sich Kinder entwickeln. Dabei wird das Gewicht häufig in Beziehung zur Körpergröße gesetzt und als sogenannter Body Mass Index (BMI) angegeben. Übergewicht, vor allem starkes, geht mit einer ganzen Reihe von Krankheiten einher, sei es Diabetes, Bluthochdruck oder Herzleiden. Aber hat das Gewicht auch die Finger im Spiel, wenn es darum geht, warum manche Kinder mehr mit Karies zu kämpfen haben als andere? Haben sie tatsächlich einen anderen BMI als zahngesunde? Dieser Frage sind nun australische Wissenschaftler (1) mit Hilfe von Zwillingskindern nachgegangen.

Die Wissenschaftler um Mihiri Silva von der Universität Melbourne rekrutierten 287 Frauen, die mit Zwillingen schwanger waren. Nachdem die Kinder geboren wurden, analysierten die Forscher zweimal ihre zahnärztlichen Daten. Einmal als die Zwillinge 18 Monate alt waren und einmal gleich nach ihrem sechsten Geburtstag.

Die Wissenschaftler wollten in ihrer Studie drei Hypothesen testen: 1. Der BMI bei 18 Monate alten Kindern ist ein Vorhersagemöglichkeit für Zahnkaries mit sechs Jahren; 2. Man kann vom BMI sechsjähriger Kinder auf den aktuellen Befall mit Karies schließen. 3. Der Befall mit Zahnkaries im Alter von sechs Jahren sagt etwas über den BMI der Kinder aus.

Für ihre erste Hypothese fanden die Forscher keine Belege. Es gab keinen Zusammenhang zwischen dem BMI mit 18 Monaten und irgendeiner oder einer fortgeschrittenen Zahnkaries mit sechs Jahren.

Danach überprüften die Forscher die anderen beiden Hypothesen. Zuerst schauten sich die Forscher die Gesamtheit der Daten der Sechsjährigen an. Auch hier sahen sie keinen Zusammenhang zwischen irgendeiner Karieserkrankung und dem BMI der Kinder. Als sie danach jedoch die Ergebnisse der einzelnen Zwillingspaare analysierten, zeigte sich:  Zwillinge mit einem höheren BMI hatten ein geringeres Risiko für eine fortgeschrittene Karies als ihre Geschwister. Außerdem hatten Zwillinge mit einer fortgeschrittenen Karies im Alter von sechs Jahren einen niedrigeren BMI als die Geschwister mit gesünderen Zähnen. Dabei war es egal, ob es sich um eineiige oder zweieiige Zwillinge handelte.

Die Forscher hoffen nun, dass die zugrunde liegenden Mechanismen untersucht werden, die erklären könnten, wie eine fortgeschrittene Karies zu einem niedrigeren BMI führen kann.

Eine der Ursachen könnten Zahnschmerzen sein. Denn Kindern mit einer starken Karies fällt es vermutlich schwerer, Lebensmittel zu kauen oder zu beißen. Gestützt werde diese Hypothese durch die Beobachtung, dass untergewichtige Kinder nach einer Zahnbehandlung oft wieder an Gewicht zulegen, schreiben die Autoren. Möglich wäre es auch, dass biologische Prozesse wie eine chronische Infektion für den Zusammenhang von Gewicht und Karies verantwortlich sind. Gute Belege gibt es dafür jedoch noch nicht.

Und das sind auch nicht die einzigen Unklarheiten bei diesem Thema: Es ist nicht die erste Studie, die den Zusammenhang zwischen Körpergewicht und Karies untersucht. Und die Bilanz der Wissenschaftler fällt sehr unterschiedlich aus.

Während eine schwedische Studie aus dem Jahr 2012 ebenfalls zu dem Ergebnis kam, dass Kinder mit einem niedrigen BMI signifikant häufiger kariöse, gefüllte oder gezogene Zähne haben, beobachteten kanadische Forscher (3), als sie 235 Vorschulkinder untersuchten, das Gegenteil: Kinder mit schwerer Karies hatten einen signifikant höheren BMI als solche in der kariesfreien Gruppe.

Im aktuellsten Review (4) zu dem Thema heißt es dagegen: „Deutlich mehr Karies wurde bei übergewichtigen und fettleibigen Kindern in Ländern mit hohem Einkommen festgestellt, nicht jedoch in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen.“

Die australischen Wissenschaftler haben jedoch eine ganz eigene Theorie dazu, warum sowohl ein hoher als auch ein niedriger BMI in Studien mit Karies in Verbindung gebracht wurde: Es gebe vermutlich zahlreiche Umweltfaktoren in der Bevölkerung, die bei der Entstehung der Krankheit eine Rolle spielen. Und je nach Umgebung könnte ihr Beitrag dazu in Studien ganz unterschiedlich ausfallen. Für Ärzte gibt es jedenfalls bislang keinen Anlass, nur vom BMI der Kinder auf ihr Kariesrisiko zu schließen.

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Quellen:

  1. Silva MJ, Kilpatrick NM, Craig JM, Manton DJ, Leong P, Ho H, Saffery R, Burgner P, Scurrah KJ. A twin study of body mass index and dental caries in childhood. Sci Rep. 2020; 10(1): 568. doi: 10.1038/s41598-020-57435-7.
  2. Norberg C, Hallström Stalin U, Matsson L, Thorngren-Jerneck K, Klingberg G. Body mass index (BMI) and dental caries in 5‐year‐old children from southern Sweden. Community Dent Oral Epidemiol. 2012; 40: 315–22. doi: 10.1111/j.1600-0528.2012.00686.x.
  3. Davidson K, Schroth RJ, Levi JA, Yaffe AB, Mittermuller BA, Sellers EAC. Higher body mass index associated with severe early childhood caries. BMC Pediatrics. 2016; 16: 137, doi: 10.1186/s12887-016-0679-6.
  4. Chen D, Zhi Q, Zhou Y, Tao Y, Wu L, Lin H. Association between Dental Caries and BMI in Children: A Systematic Review and Meta-Analysis. Caries Res. 2018; 52: 230–45. doi: 10.1159/000484988