Die DNA der Bildung

15. Dez 2017

Kinder mit geringem sozialen Status oder Verhaltensauffälligkeiten schneiden in der Schule oft schlechter ab. Dass dahinter auch die Gene stecken, konnten nun britische Forscher in zwei Studien zeigen.

Kaum ein Faktor beeinflusst die schulischen Leistungen von Kindern so sehr wie der sozioökonomische Status, also die sozialen und ökonomischen Lebensumstände. Je niedriger der Status, desto so schwächer fällt zumindest im Durchschnitt die schulische Bildung aus. Forscher um den Psychologen Robert Plomin vom Londoner King´s College haben gezeigt, dass dieser Zusammenhang auch durch die Gene beeinflusst wird (1).

Eine gute schulische Ausbildung wirkt sich meist auch auf die spätere Entwicklung aus, auf die Wahrscheinlichkeit für eine Anstellung, die finanzielle Absicherung und sogar die Gesundheit. Daher ist es kein Wunder, warum Wissenschaftler verstehen wollen, warum die Leistungen von Kindern so unterschiedlich ausfallen.

Zwillingsstudien haben in den vergangenen Jahren schon häufig den Hinweis ergeben, dass dabei auch die Gene eine Rolle spielen. Unklar war dagegen das Ausmaß des Einflusses. Deswegen haben sich Robert Plomin und Kollegen vor allem das Erbgut von Schülern angeschaut. So wollten sie nicht nur herausfinden, wie groß seine Wirkung auf die schulischen Leistungen ist, sondern auch, welchen Zusammenhang es mit dem sozialen Status von Kindern gibt.

Mehr als 3000 Zwillinge, die zwischen 1994 und 1996 in England und Wales geboren sind, haben an der Studie teilgenommen. Die Forscher bekamen die Noten ihres GCSE-Tests (analog dem mittleren Schulabschluss in Deutschland) als die Zwillinge etwa 16 Jahre alt waren, und zusätzlich Informationen zum Beruf und dem Bildungsstand der Eltern. Außerdem machten die Kinder im Alter zwischen zwei und 16 Jahren mehrmals Tests, die Rückschlüsse auf ihre Intelligenz erlaubten.

Um das Erbgut der Kinder zu vergleichen, arbeiteten die Forscher unter anderem mit der Methode der genomweiten Analyse komplexer Merkmale (GCTA = genome-wide complex trait analysis). Mit Hilfe dieser Analyse kann der Zusammenhang einzelner Genvarianten (SNPs) mit einer bestimmten Eigenschaft – wie der schulischen Leistung – berechnet werden. Die Forscher fahndeten für ihre Studie in fast zwei Millionen genomischen SNP-Varianten nach erblichen Einflussfaktoren.

Wie erwartet sahen die Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen den schulischen Leistungen und dem sozioökonomischen Status. Beide Größen korrelierten zudem mit der Intelligenz der Kinder. Als sich die Forscher die Daten zum Erbgut der Kinder anschauten, stellten sie fest, dass etwa 50 Prozent des Zusammenhangs zwischen Status und Leistung durch die Gene erklärt werden kann. Doch nur ein Drittel der genetischen Varianten, die mit dem sozialen Status und der Bildung zusammenhängen, sind abhängig von der Intelligenz der Kinder, zwei Drittel wirken unabhängig davon.

Die Studie passt zu anderen Forschungen aus der Zwillingsforschung, die vermuten lassen, dass die schulischen Leistungen von Kindern neben der Intelligenz von vielen anderen Merkmalen anhängen, die ebenfalls durch die Gene beeinflusst werden. Dazu gehört die Persönlichkeit, z.B. die Selbstwirksamkeit.

In einer weiteren Studie an mehr als 2000 Zwillingen hat sich Plomin zusammen mit Wissenschaftlern um Gary Lewis von der University of London außerdem angeschaut, wie sich genetische Faktoren, aber auch Umwelteinflüsse auf den Zusammenhang zwischen psychischer Verfassung und schulischer Leistung auswirken (2).

Kinder, die in Alter von vier Jahren besonders ängstlich, verhaltensauffällig oder hyperaktiv waren oder Problemen mit Gleichaltrigen hatten, hatten beim GCSE durchschnittlich schlechtere Noten als Kindern ohne diese Schwierigkeiten.

Der Zusammenhang zwischen Ängstlichkeit sowie Problemen mit Gleichaltrigen und den schulischen Leistungen scheint vor allem durch Einflüsse aus der Umwelt zustande zu kommen, die sich die Zwillinge teilen. Der Zusammenhang zwischen Verhaltensauffälligkeiten und schulischen Leistungen dagegen konnte in der Studie zusätzlich durch das Erbgut erklärt werden. Die Korrelation schließlich zwischen Hyperaktivität und schulische Leistungen erklärte sich zum einen durch Gene, zusätzlich jedoch durch individuelle Einflüsse aus der Umwelt, die nur den Einzelnen betrafen.

Die Forscher glauben, dass Faktoren wie elterliche Wärme und Unterstützung zu den Einflüssen aus der Umwelt gehören, die sich auf Verhaltensauffälligkeiten, Probleme mit Gleichaltrigen oder Ängstlichkeit auswirken. Außerdem vermuten sie, dass bei Verhaltensauffälligkeiten und Hyperaktivität Gene eine Rolle spielen könnten, die sich auf die Emotionsregulation auswirken oder die Impulsivität. Ob sie damit richtig liegen, müssen weitere Studien zeigen.

Copyright © 2016-2017 Nicole Simon / Paul Enck. Alle Rechte vorbehalten.


Quellen:

1. Trzaskowski M, Harlaar N, Arden R, Krapohl E, Rimfeld K, McMillan A, Dale PS, Plomin R. Genetic influence on family socioeconomic status and children's intelligence. Intelligence. 2014;42(100):83-88. [PubMed]

2. Lewis GJ, Asbury K, Plomin R. Externalizing problems in childhood and adolescence predict subsequent educational achievement but for different genetic and environmental reasons. J Child Psychol Psychiatry. 2017;58(3):292-304. [PubMed]


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