Der Umgang mit Emotionen lässt sich (auch) lernen

Der Umgang mit Emotionen lässt sich (auch) lernen

Ob man seine Emotionen eher unterdrückt oder aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, um sie weniger schmerzhaft zu machen, hängt in unterschiedlichem Maß von den Genen ab, wie eine Zwillingsstudie nun zeigt.

Fahren Sie schnell aus der Haut? Schießen Ihnen die Tränen in die Augen, wenn Sie wütend sind? Oder zweifeln Sie schnell an sich, wenn Sie ein Ziel nicht erreichen? So unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich sind ihre Gefühle aber auch ihre Methode, mit Emotionen umzugehen. Der eine unterdrückt seine Tränen vielleicht nur, der andere entschärft die Situation von vorneherein. Wie man mit seinen Gefühlen in der Regel umgeht, hängt von vielen Dingen ab: Die Art und Weise wie man erzogen worden ist, die Erfahrungen, die man in seinem Leben gemacht hat und nicht zuletzt auch die Gene, die in jeder einzelnen Zelle des Körpers wirken. Eine Gruppe von Forschern wollte nun wissen, welche Faktoren den größten Einfluss darauf haben, wie man seine Emotionen in den Griff bekommt.

Ein Team um Kateri McRae (1) von der University of Denver konzentrierte sich dabei auf zwei der bekanntesten Strategien zur Emotionsregulation. Bei der kognitiven Neueinschätzung geht es darum, eine Situation, die normalerweise zu einer starken Emotion und Reaktion führen würde, neu zu bewerten und damit zu entschärfen. Auf diese Weise soll zum Beispiel verhindert werden, dass jeder kleine Rückschlag gleich in schwerem Selbstzweifel mündet. Bei der Suppression (Unterdrückung) dagegen versucht man die Emotion oder die Reaktion, die normalerweise auf ein bestimmtes Gefühl folgen würde, zu unterdrücken, etwa die Wuttränen im Gespräch mit dem Chef. Im Gegensatz zur Unterdrückung gilt die kognitive Neubewertung jedoch als die deutlich effektivere Strategie der Regulation von Emotionen und des Entwickelns von Resilienz (Widerstandskraft).

Insgesamt 743 Zwillingspaare haben für die Wissenschaftler einen psychologischen Fragebogen ausgefüllt; 448 der Zwillingspaare waren eineiig und damit genetisch nahezu identisch. Hinzu kamen 295 zweieiige Zwillingspaare, deren Erbgut sich per Definition zu etwa 50 Prozent gleicht. Beim Vergleich der Zwillinge wollten die Wissenschaftler herausfinden, wer auf seine Emotionen eher mit Suppression reagiert und wer mit einer kognitiven Neueinschätzung, und wie groß der Einfluss und Genen und Umwelt auf all diese Parameter ist.

Wie es aussieht, werden nicht alle Methoden der Emotionsregulation in gleichem Maße vom Erbgut beeinflusst. Die Ergebnisse der Forscher lassen vermuten, dass die Strategie der Neubewertung weniger von den Genen beeinflusst wird als etwa die Unterdrückung. Dafür scheinen Umweltfaktoren, die sich die Zwillingsgeschwister nicht teilen, wie etwa individuelle Erfahrungen, einen größeren Einfluss als bei der Suppression zu haben.

Den Vertretern der kognitiven Verhaltenstherapie, die viel mit der Methode der Neubewertung arbeiten, spielen diese Ergebnisse in die Hand. Denn je kleiner die Rolle der Genetik bei dieser Methode ist, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass Patienten sie erlernen und übernehmen können. Die Autoren hoffen, dass Forscher nun untersuchen, welche Faktoren aus der Umwelt geeignet wären, um den Einsatz der Neubewertung zu erhöhen. Das könnten den Autoren zufolge gute Ansatzpunkte sein, um emotionale Fähigkeiten zu verbessern.

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Quellen:

  1. McRae, K., Rhee, S. H., Gatt, J. M., Godinez, D., Williams, L. M., & Gross, J.J. Genetic and Environmental Influences on Emotion Regulation: A Twin Study of Cognitive Reappraisal and Expressive Suppression. Emotion 2017;17(5):772-7. doi: 10.1037/emo0000300. PubMed