Gene verlieren an Bedeutung

Gene verlieren an Bedeutung

Ob jemand schlank oder dick ist, hängt auch von seiner Veranlagung ab. Forscher haben nun jedoch gezeigt, dass der Einfluss der Gene im Laufe der Jahre abnimmt.

Unbeherrscht, undiszipliniert und faul – so lauten gängige Vorurteile gegenüber Dicken. Übergewichtigen wird gern selbst die Schuld an ihrer Körperfülle zugeschrieben. Doch es spricht einiges dafür, dass unser Gewicht zu einem großen Teil auch genetisch bedingt ist. Insgesamt gehen Wissenschaftler heute davon aus, dass sich die Schwankungen im BMI von Erwachsenen zu 57 bis 90 Prozent durch die Gene erklären lassen.

Dass es hier keine genauere Zahl gibt, und sich die Ergebnisse in Studien immer wieder unterschieden, liegt womöglich auch daran, dass der Einfluss der Gene in Ostasien ein anderer ist als in Europa oder dass er sich im Laufe des Lebens verändert. Womöglich macht es auch einen Unterschied, ob Frauen oder Männer untersucht werden. Um genau das herauszufinden, haben Dutzende Wissenschaftler um Karri Silventoinen von der Universität Helsinki nun untersucht, welchen Einfluss Faktoren wie das Geschlecht, das Alter und die Region, in der man lebt, auf die Vererbbarkeit haben. Ihr Fazit: Das Lebensalter hat einen besonders großen Einfluss.

Für die Studie, die kürzlich im Fachblatt American Journal of Clinical Nutrition erschienen ist (1), analysierten die Forscher Daten von über 140.000 Zwillingen aus mehr als 20 Ländern. Die Teilnehmer wurden von den Forschern in die geografischen Regionen Europa, Nord-Amerika und Australien sowie Ostasien eingeteilt. Alle Teilnehmer waren mindestens 20 Jahre alt, keiner von ihnen litt an Krankheiten wie einer Anorexie (Magersucht) oder einer schweren Adipositas.

Bei Frauen wie bei Männern stieg der durchschnittliche BMI der Probanden in einem Alter zwischen 20 und 29 Jahren an, um zwischen 60 und 69 Jahren wieder abzusinken. Dabei interessierten sich die Wissenschaftler vor allem für Zwillinge, bei denen ein Zwilling übergewichtig war und der andere Zwilling nicht, sog. diskordante Zwillinge bei einem Merkmal. Als sich die Wissenschaftler anschauten, welche Faktoren für diese Unterschiede im BMI ihrer Probanden verantwortlich sein könnten, stießen sie vor allem auf genetische Effekte, deren Einzelwirkung sich addiert. Ebenfalls wichtig scheinen jedoch Umweltfaktoren zu sein, und zwar solche, die sich die beiden Zwillinge nicht teilen. Das können zum Beispiel Erfahrungen in der Schule sein, bei der Arbeit oder in einer Beziehung zu einem anderen Menschen.

Die geschätzte Vererbbarkeit der BMI-Unterschiede war jedoch nicht zu jedem Zeitpunkt gleich groß. Sie verkleinerte sich im Laufe der Jahre. Die Forscher gehen davon aus, dass genetische Faktoren mit der Zeit an Gewicht verlieren, individuelle Umweltfaktoren dagegen immer wichtiger werden.  Auch scheint es einen Unterschied zwischen Männern und Frauen zu geben. „Wir fanden klare Belege, dass zum Teil unterschiedliche Gruppen von Genen den BMI von Männern und Frauen beeinflussen“, schreiben die Forscher in ihrem Paper.

Die Unterschiede zeigen sich schon in der frühen Kindheit, werden aber in der Jugend immer wichtiger. Zusammenhängen könnte das mit hormonellen Veränderungen in der Pubertät, die bei Männer und Frauen dazu führen, dass sich ihr Körper unterschiedlich entwickelt. Keine großen Unterschiede konnten die Forscher dagegen feststellen, als sie den Einfluss der Gene in den verschiedenen geografischen Regionen verglichen.  Auch wenn sich der BMI in bestimmten Regionen besonders stark veränderte – die größten Abweichungen im BMI maßen die Wissenschaftler in Nord-Amerika und Australien – scheint der Einfluss der Gene der gleiche zu bleiben.

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Quellen:

  1. Silventoinen K et al. Differences in genetic and environmental variation in adult BMI by sex, age, time period, and region: an individual-based pooled analysis of 40 twin cohorts. Am J Clin Nutr. 2017;106(2):457-466. doi: 10.3945/ajcn.117.153643. PubMed