Wer früh trinkt, wird später krank

01. Jan 2018

Jugendliche, die schon früh Alkohol trinken, werden später mit größere Wahrscheinlichkeit zu Süchtigen. Verantwortlich dafür könnte der Alkohol selbst sein.

Vielleicht ist es das Glas Wein an Weihnachten oder das Bier auf dem Geburtstag des besten Freundes. Irgendwann beginnen die meisten Menschen, Alkohol zu trinken. Doch während manche ihren ersten Drink erst mit 18 nehmen, beginnen andere früher, sehr viel früher. Es gibt Jugendliche, die wissen schon mit 12 oder 13 wie es sich anfühlt, betrunken zu sein.

Doch was bedeutet es, wenn Jugendliche schon früh Alkohol zu trinken? Studien zufolge haben sie später häufiger Probleme mit Alkohol und anderen Drogen oder entwickeln ein antisoziales Verhalten. Nur warum das weiß man nicht so recht. Wissenschaftler haben nun gezeigt, dass es der Alkohol selbst sein könnte, der für die späteren Probleme sorgt.

Nach einer Untersuchung der Bundeszentrale für gesundheittliche Aufklärung (BZgA) (1) gaben 2015 von den 12- bis 17-Jährigen 10 Prozent und von den 18- bis 25-Jährigen 33,6 Prozent an, regelmäßig Alkohol zu trinken. Nur jeder Dritte im Alter von 12 bis 17 Jahren gab laut BZgA an, noch nie Alkohol getrunken zu haben.

Warum manche Jugendliche schon früh anfangen, zu trinken hat viele Ursachen. Vielleicht kennt man es nicht anders, weil auch die Eltern häufig trinken. Einfluss hat auch das weitere Umfeld. Wird im Freundeskreis viel getrunken, fällt es schwer Nein zu sagen. Schließlich will man dazugehören, Spaß haben und neue Erfahrungen machen. Das Problem dabei: Je früher Kinder und Jugendliche beginnen, Alkohol zu trinken, desto größer ist die Gefahr, dass sie sich an Alkohol gewöhnen, ihn missbrauchen oder abhängig werden.

Die Wissenschaftler Daniel Irons, William Lacono und Matt McGue von der University of Minnesota wollten nun herausfinden, ob es das Trinken selbst ist, das dafür verantwortlich ist.  Für ihre Untersuchung (2) arbeiteten sie mit mehr als 1500 Zwillinge und zwei wissenschaftlichen Methoden. Bei der ersten versucht man, möglichst viele andere Faktoren auszuschließen, die auch für den Zusammenhang von frühem Alkoholgenuss und späterer Suchterkrankung verantwortlich sein können. Wissenschaftler sprechen dabei auch von Störfaktoren. Dazu gehört zum Beispiel das Trinkverhalten der Eltern, der soziale Status oder psychische Störungen.

Bei der zweiten Methode vergleicht man Zwillingsgeschwister miteinander, die unterschiedlich spät begonnen haben, zu trinken. Ein Zwilling ist schon früh mit Alkohol in Kontakt gekommen, der andere nicht. Die Wissenschaftler schauten sich an: Wie entwickeln sich die Geschwister, die in einem ganz ähnlichen Umfeld groß werden und sich im Fall von eineiigen Zwillingen auch noch die gleiche genetische Ausstattung besitzen.

Als die Zwillinge 11 Jahre alt waren, interessierten sich die Wissenschaftler für jene Einflüsse, die sich neben dem Alkohol selbst auf den Zusammenhang zwischen dem frühen Trinken und späteren Problemen auswirken könnten.  Im Alter von 14 Jahren gaben die Zwillinge an, ob sie jemals Alkohol getrunken haben oder sogar schon einmal betrunken gewesen sind.  Im Alter von 24 ging es dann um die Trinkgewohnheiten, die Bedeutung von anderen Drogen, dem sozialem Verhalten, dem Engagement oder die Beziehung zur Familie.

Als die Forscher die Daten auswerteten, stellten sie fest, dass frühes Trinken tatsächlich eine direkte Ursache für spätere Probleme mit Alkohol und anderen Drogen ist. Selbst als die Forscher die möglichen Störfaktoren herausrechneten, blieb der Zusammenhang bestehen. Über den Mechanismus dahinter sagt die Studie jedoch nichts aus. Eine Möglichkeit, glauben die Forscher, ist die schädigende Wirkung des Alkohols auf das sich noch entwickelnde Gehirn von Jugendlichen.

Die US-amerikanische Forscherin Susan Tapert und ihr Team haben zum Beispiel zeigen können (3), dass sich schon bei 16- bis 19-jährigen Jugendlichen Veränderungen der weißen Substanz durch Rauschtrinken nachweisen lassen. Besonders anfällig für Veränderungen scheint der präfrontale Kortex zu sein, der Aufgaben wie planen, abwägen und das anpassen von Verhaltensweisen übernimmt.

Die Analyse der Zwillinge zeigt jedoch auch, dass es noch andere Faktoren geben könnte, die sich sowohl auf das frühe Trinken wie auch auf spätere Probleme auswirken können. Dabei spielen auch die Gene eine Rolle. Das würde auch zu früheren Untersuchungen passen, die gezeigt haben, dass auch das Erbgut dazu beitragen kann, dass man mehr dazu neigt, viel zu trinken. Wer etwa die Genvariante RASGRF-2 besitzt, empfindet nach Untersuchungen britischer Forscher ein tieferes Gefühl der Befriedigung beim Trinken (4).

Copyright © 2016-2017 Nicole Simon / Paul Enck. Alle Rechte vorbehalten.


Quellen:

1) http://www.bzga.de/presse/pressearchiv/?jahr=2016&nummer=1046

2) Irons DE, Iacono WG, McGue M. Tests of the effects of adolescent early alcohol exposures on adult outcomes. Addiction. 2015 Feb;110(2):269-78. PubMed

3) McQueeny T, Schweinsburg BC, Schweinsburg AD, Jacobus J, Bava S, Frank LR, Tapert SF. Altered white matter integrity in adolescent binge drinkers. Alcohol Clin Exp Res. 2009 Jul;33(7):1278-85. PubMed

4) Stacey D, Bilbao A, Maroteaux M, et al. RASGRF2 regulates alcohol-induced reinforcement by influencing mesolimbic dopamine neuron activity and dopamine release. Proc Natl Acad Sci U S A. 2012 Dec 18;109(51):21128-33. PubMed


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