Das Erbgut beeinflusst Essensvorlieben

01. Dez 2017

Schon beim Gedanken an die eigenen Lieblingsgerichte läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Aber warum mögen wir bestimmte Speisen eigentlich so gerne? Ob die Gene dahinter stecken, haben jetzt Londoner Wissenschaftler ergründet.

Wohl jeder Mensch hat eine Leibspeise. Lasagne! Schweinebraten! Oder: Raclette! Warum aber läuft dem einen bei Fleisch mit Sauce das Wasser im Mund zusammen und dem nächsten bei Käse oder Fisch? Warum mag man, was man mag? Diese Frage geht weit über den Rand des eigenen Tellers hinaus und führt geradewegs ins Labor. In diesem Fall nach London.

Wissenschaftler vom King´s College haben herausgefunden, dass vor allem prägnante Geschmäcker wie scharf, sauer oder süß auch genetisch geprägt sind. Das war jedoch nicht das einzige, was die Forscher beobachtet haben. Einige Essensvorlieben scheinen auch im Blut Spuren zu hinterlassen.

Die Präferenz für bestimmte Lebensmittel oder Geschmäcker beginnt schon früh in der Entwicklung des Menschen, lange vor seiner Geburt. Was die Menschen mögen und nicht mögen, ändert sich jedoch bis in das Erwachsenenalter hinein. Hunger gehört zwar zu den stärksten Antrieben, zu essen. Die Entscheidung für ein Gericht wird jedoch von viel mehr Faktoren beeinflusst als dem Nährwert. Dem Geschmack etwa, Textur, Aussehen, Geruch aber auch Erinnerungen oder Gewohnheiten bestimmen, was man gern isst und was nicht. Und die Biologie, das Erbgut. Wie groß sein Einfluss ist, haben nun Forscher um Tess Pallister untersucht (1).

Mehr als 2000 Menschen haben sie für ihre Studie untersucht, etwa die Hälfte davon waren Zwillinge. Alle Teilnehmer haben Online-Fragebögen zu ihren Essens-Vorlieben ausgefüllt. 87 Lebensmittel und Getränke sollten sie bewerten sowie 18 Aktivitäten. Außerdem haben die Wissenschaftler das Blut ihrer Probanden untersucht. So wollten sie nach insgesamt 280 Stoffen fahnden. Dazu gehörten verschiedene Kohlenhydrate, Vitamine, Aminosäuren, Fette, Peptide oder andere chemische Verbindungen. Anschließend haben sie geschaut, ob es Zusammenhänge zwischen all diesen Informationen gibt. Die gab es.

Wer etwa Früchten und Gemüse sehr viele Punkte gegeben hatte, hatte auch mit höherer Wahrscheinlichkeit angegeben, dass er sich gern bewegt und nicht raucht. Wer besonders markante Geschmäcker bevorzugte, wie Oliven, Knoblauch, Schimmelkäse oder Chili, rauchte häufiger., hatte aber eine Vorliebe für Bewegung. Hohe Werte bei Zucker und Süßigkeiten zeigten sich häufiger mit einem hohen BMI (Body-Mass-Index) und niedrigen Präferenzen für körperliche Aktivität. Das gleiche galt für die Menschen, die angaben, besonders gern Fleisch zu mögen.

Nun wollten die Forscher wissen, welche Rolle das Erbgut bei den unterschiedlichen Vorlieben spielt. Dazu verglichen sie die eineiigen Zwillinge unter den Probanden, deren Erbgut nahezu identisch ist, mit den zweieiigen Zwillingen, die sich nur etwa die Hälfte der genetischen Ausstattung teilen. So konnten die Wissenschaftler zeigen, dass vor allem die Vorliebe für starke und markante Geschmäcker wie süß, sauer oder scharf vererbt wird. „Wir sind sogar die ersten, die zeigen konnten, dass die Vorliebe für Fleisch bei Erwachsenen vererbbar ist“, schreiben die Wissenschaftler in im Fachblatt Twin Research and Human Genetics. Verantwortlich sind dafür wahrscheinlich verschiedene Gene, deren Effekte sich addieren. Tatsächlich haben andere Forschergruppen schon einzelne Genabschnitte gefunden, die mit Vorlieben für bestimmte Nahrungsmittel zusammenhängen. Eine Variante des Gens OR6A2 zum Beispiel scheint mit dafür verantwortlich zu sein, dass Koriander für einige Menschen allein nach Seife schmeckt (2).

Die Forscher um Pallister wollten jedoch nicht nur wissen, welchen Einfluss das Erbgut auf die Schwächen für bestimmte Lebensmittel und Gerichte der Probanden hatte. Die Wissenschaftler schauten sich auch an, ob sich die unterschiedlichen Geschmacksgruppen auch im Blut wiederspiegeln. Wieder wurden sie fündig.

Wer besonders gern Zucker und Speisen mit vielen Kohlenhydraten wie Pasta aß, besaß besonders wenig von drei Metaboliten, die in Fisch stecken. Am stärksten war der Zusammenhang mit der Fettsäure CMPF. Wie es scheint, isst genau diese Gruppe mit hohem CMPF besonders wenig Fisch und Meeresfrüchte. Bei Fleischliebhabern zeigten sich besonders häufig Aminosäuren die auch im Fleisch vorkommen, oder deren Stoffwechselprodukte wie etwa das Kreatin.

Unter den Probanden die Früchte und Gemüse besonders hoch bewertet hatten, konnten die Forscher dagegen keine Zusammenhänge mit Stoffwechselprodukten im Blut finden. Menschen, die besonders prägnante Geschmacksrichtungen bevorzugen, scheinen auch ganz bestimmte Metaboliten in ihrem Blut zu haben. Die meisten Probanden waren allerdings Frauen, daher bleibt zu überprüfen, ob die Ergebnisse bei Männern anders aussehen würden.

Copyright © 2016-2017 Nicole Simon / Paul Enck. Alle Rechte vorbehalten.


Quellen:

1. Pallister T, Sharafi M, Lachance G, Pirastu N, Mohney RP, MacGregor A, Feskens EJ, Duffy V, Spector TD, Menni C. Food Preference Patterns in a UK Twin Cohort. Twin Res Hum Genet. 2015;18(6):793-805. [PubMed]

2. Eriksson N, Wu S, Do CB, Kiefer AK, Tung JT, Mountain JL, Hinds DA, Francke U. A genetic variant near olfactory receptor genes influences cilantro preference. Flavour 2012;1:22. Doi: 10.1186/2044-7248-1-22. [Link]


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