Verräterische Augen

Verräterische Augen

Eine Studie lässt vermuten, dass auch die DNA steuert, wie gut man die Gedanken und Emotionen in den Augen des Gegenübers erkennen kann.

Die Augen sind der Spiegel der Seele – sagt man zumindest. Und tatsächlich, Emotionen wie Freude, Überraschung und Angst zeigen sich auch in den Pupillen. Unsere Mitmenschen (aber auch Tiere, z.B. Haustiere) haben über Millionen Jahre gelernt, das zu interpretieren. Deswegen schauen wir unserem Gegenüber beim Gespräch auch intuitiv in die Augen. Vor etwa zwanzig Jahren dann entwickelten Forscher der Cambridge-Universität einen Test zur kognitiven Empathie, der Fähigkeit, die Emotionen eines anderen zu erkennen. Sie nannten ihn den Augen-Test. Er bestätigte, dass Menschen in der Lage sind, zu verstehen, was ihr Gegenüber denkt oder fühlt, wenn sie ihnen nun in die Augen schauen. Er zeigte aber auch, dass manche Menschen das besser können als andere.

Die Forscher von damals haben nun zusammen mit einer großen Firma für Erbgutanalysen sowie weiteren Wissenschaftlern aus Australien, Frankreich und den Niederlanden genau diese Fähigkeit des Mind-Readings an 89.000 Menschen rund um den Globus getestet. Beim Online-Augentest sollten die Probanden anhand von Fotografien, die die Augenregion von Schauspielern zeigten, entscheiden, welche Emotionen die Menschen auf den Bildern durchlebten.

Anschließend schauten sich die Wissenschaftler an, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Testergebnis und der genetischen Ausstattung der Probanden gab. Die Ergebnisse (1) der Forscher um Varun Warrier und Simon Baron-Cohen zeigen nicht nur, dass Frauen in der Regel besser abscheiden. Wie es aussieht, beeinflusst auch ihr Erbgut, wie gut sie Gefühle und Gedanken von anderen lesen können. Die Forscher identifizierten auch erste Genvarianten, die dafür verantwortlich sein könnten. Sie befinden sich auf dem Chromosom Nummer 3. Eines der Gene, die in dem untersuchten Chromosomenabschnitt liegen, ist heißt LRRN1 oder Leucine Rich Neuronal 1. Dieses Gen ist besonders aktiv in einem Teil des Großhirns, das sich Striatum nennt in Studien schon häufiger mit kognitiver Empathie in Zusammenhang gebracht wurde. Zumindest bei Frauen stehen auch in dieser Studie diese Gene mit ihrer Empathiefähigkeit in einem Zusammenhang. Bei Männern dagegen zeigte sich kein Zusammenhand zwischen ihrem Test-Abschneiden und dem Aufbau ihres dritten Chromosoms. Womöglich spielen bei ihnen andere Erbgutabschnitte eine Rolle.

Um die Ergebnisse zu überprüfen, zogen die Forscher zusätzlich die Daten von 1500 ein- und zweieiigen Zwillingen heran. Auch hier zeigte sich ein Zusammenhang zwischen Erbgut und Empathie. Die Vererbbarkeit der Unterschiede in der kognitiven Empathie lag bei den Zwillingen bei etwa 28 Prozent.  Die Wissenschaftler um Warrier und Baron-Cohen entdeckten zudem, dass die genetischen Varianten, die sie gefunden haben, auch das Risiko für Anorexie zu erhöhen scheinen. Überraschend wäre das nicht. In früheren Studien konnte schon gezeigt werden, dass Menschen mit Anorexie bei dem Gedanken-Lese-Test oft schlechter abschneiden.

Die Forscher wollen nun in weiteren Studien überprüfen, ob sich ihre Ergebnisse replizieren lassen und wie genau sich diese Erbgutvariationen bei Frauen auf Funktionen des Striatum und die kognitive Empathie auswirken könnten. Sie wissen jedoch auch, dass die Gene vermutlich nur ein Baustein bei der Entwicklung von Empathie sind.  „Diese Studie demonstriert, dass Empathie in teilen genetisch geprägt ist“, sagt Boureron. „Aber wir sollten nicht vergessen, dass es auch wichtige soziale Faktoren gibt, wie Erziehung oder Erfahrungen nach der Geburt.“

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Quellen:

  1. Warrier V et al. Genome-wide meta-analysis of cognitive empathy: heritability, and correlates with sex, neuropsychiatric conditions and cognition. Mol Psychiatry. 2017 Jun 6. doi: 10.1038/mp.2017.122. [Epub ahead of print] PubMed