Das Leck im Darm

Wie die Krankheit Morbus Crohn entsteht, ist bis heute nicht wirklich verstanden. Eine wichtige Rolle könnte jedoch eine undichte Darmwand sein, sagen schwedische Forscher.

Wenn sie einen Schub haben, spielt sich ihr Leben oft nur noch zwischen Bett und Toilette ab. Menschen, die an der Darmkrankheit Morbus Crohn leiden, müssen damit leben, dass sich ihr Verdauungstrakt immer wieder entzündet. Immer wieder leiden an Durchfällen, Fieber, Schmerzen und Bauchkrämpfen. Aber es gibt auch Zeiten, in denen es den Patienten deutlich besser geht.

Die Ursache der Erkrankung ist bislang unbekannt. Experten vermuten sowohl eine vererbte Veranlagung für die Krankheit, sowie Umwelteinflüsse.

Raucher sind deutlich häufiger betroffen. Stress kann einen Schub herbeiführen, gilt aber nicht als Erkrankungsursache.

Seit die Wissenschaft weiß, wie wichtig eine intakte Darmbarriere für die Gesundheit ist – sie hält Krankheitserreger und andere schädliche Substanzen davon ab, in tiefer liegende Gewebeschichten vorzudringen – findet sie immer mehr Hinweise auf Schlupflöcher in der Darmschleimhaut von Morbus Crohn Patienten. Ob eine solche Barriere-Störung die Krankheit auch auslösen kann, haben nun Wissenschaftler um Ava Keita von der Linköping Universität in Schweden an Zwillingen untersucht.

Es gibt Beobachtungen, dass eine erhöhte Durchlässigkeit in der Darmwand in Verbindung steht mit einem erhöhten Risiko für einen Rückfall. Das könnte dafür sprechen, dass die Barriere-Störung eine Folge von Entzündungen im Darm ist. Auf der anderen Seite kennt man Betroffene, die kaum Symptome, aber trotzdem eine Barriere-Störung haben. Zudem weiß man von Genen die sowohl mit Morbus Crohn wie auch der Darmbarriere in Zusammenhang stehen.

Sollte die Barriere-Störung eine genetisch bedingte Ursache für Morbus Crohn sein, dann müsste sich das vor allem bei einer ganz besonderen Gruppe zeigen: Zwillinge.

Schwedische Forscher haben sich daher nun 15 eineiigen und zweieiige Zwillingsgeschwisterpaaren angeschaut, von denen jeweils einer der Zwillinge an Morbus Crohn erkrankt war; zudem wurden Geschwister in die Studie einbezogen. Alle Zwillinge wurden befragt und unterzogen sich einer Darmspiegelung; dabei entnahmen die Ärzte ihnen bei einer Biopsie Proben aus der Darmwand.

Bei der Auswertung der Daten stellten die Wissenschaftler fest, dass die Durchlässigkeit zwischen den Darmzellen bei Zwillingen mit Morbus Crohn im Vergleich zu nichtverwandten gesunden Personen erhöht war. Erhöht war sie aber auch bei den Geschwistern der Erkrankten. Außerdem konnten die Forscher zeigen, dass die Menge zweier Proteine, die für die Verbindung zwischen Zellen wichtig sind, in Zwillingen erniedrigt war, und zwar in den erkrankten wie auch den gesunden. Das könnte einer der Mechanismen sein, die die Darmwand im Fall von Morbus Crohn durchlässiger machen.

All diese Ergebnisse der Forscher sprechen dafür, dass die Barriere-Störung eher eine Ursache für Morbus Crohn ist und weniger eine Folge der Erkrankung. Gestützt wird die These der Wissenschaftler auch durch Tierstudien. Dort haben Forscher beobachtet, dass Defekte wie diese, Entzündungen begünstigen und nicht anderes herum.

Um besser zu verstehen, welche Rolle die Gene spielen, verglichen die Forscher nun die eineiigen mit den zweieiigen Zwillingen. Da sich eineiige Zwillinge genetisch kaum unterscheiden, zweieiige dagegen zu etwa 50 Prozent, kann der Vergleich der Geschwister Wissenschaftlern dabei helfen, herauszufinden, ob Störungen in der Darmbarriere genetisch bedingt sind oder ob es Umweltfaktoren sind, die sie entstehen lassen.

Die Durchlässigkeit der Darmwand war vor allem bei gesunden Geschwistern von eineiigen Zwillingspaaren erhöht. Die Forscher gehen daher davon aus, dass die Störung der Darmbarriere zu großen Teilen genetisch bedingt sein könnte.

Ob das stimmt, müssen nun weitere Studien klären. Denn mit gerade einmal 15 Zwillingspärchen ist die Aussagekraft dieser Untersuchung recht klein. Ein weiterer Schritt wäre zu schauen, welche Gene es sind, die die Barriere-Funktion des Darms beeinträchtigen.

Mehr Wissen über die bislang unheilbare Darmkrankheit würde vielen Patienten zugutekommen. Allein in Deutschland sind nach Schätzungen 80.000 und 160.000 Menschen von Morbus Crohn betroffen.

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Quelle:

Åsa V Keita, Carl Mårten Lindqvist, Åke Öst, Carlos D L Magana, Ida Schoultz, and Jonas Halfvarson. Gut Barrier Dysfunction—A Primary Defect in Twins with Crohn’s Disease Predominantly Caused by Genetic Predisposition. J Crohns Colitis. 2018 Nov; 12(10): 1200–1209. doi: 10.1093/ecco-jcc/jjy045