Viele Jugendliche leiden an einer Posttraumatischen Belastungsstörung

Eine Studie legt nahe, dass einer von 13 Jugendlichen in England noch vor dem 18. Geburtstag eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt.

Hört man von einer Posttraumatischen Belastungsstörung, denken viele zuerst an Soldaten und Kriegseinsätze, aber wahrscheinlich nicht an Kinder und Jugendliche. Dabei können auch sie eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln, wenn sie Furchtbares erleben. Nach einer Studie, des Londoner Kings College, haben 31 Prozent der Jugendlichen schon in ihrer Kindheit eine traumatische Erfahrung gemacht. Jeder vierte dieser jungen Menschen erfüllte die Diagnosekriterien für eine Posttraumatische Belastungsstörung. Traumatisch kann der Tod einer geliebten Person sein, Krieg, Flucht, schwere Unfälle, sexuelle Übergriffe oder körperliche Gewalt.

Nach einem solchen Erlebnis entwickeln viele Menschen – egal ob Kind oder Erwachsener – psychische Symptome. In den meisten Fällen verschwinden sie in den darauffolgenden Wochen wieder. Bei einigen jedoch bleiben sie und sie beginnen das Leben der Betroffenen zu verändern und zu belasten. Aus einer normalen Reaktion auf ein Trauma wird eine Belastungsstörung.

Um herauszufinden, welche Rolle Traumata und Belastungsstörungen unter britischen Jugendlichen spielen, arbeiteten die Wissenschaftler um Stephanie Lewis mit den Teilnehmern der E-Risk-Studie (1). Insgesamt 2232 Zwillinge, die zwischen 1994 und 1995 in England oder Wales geboren wurden, nahmen an dieser Untersuchung teil. Als die Zwillinge 18 Jahre alt waren, fragten die Wissenschaftler sie, ob sie in ihrem Leben bereits traumatische Erfahrungen gemacht haben. Außerdem suchten sie nach Anzeichen einer psychischen Störung.

Fast jeder Dritte (31,1 Prozent) konnte sich an Traumatisches erinnern. Diese Kinder und Jugendlichen scheinen später doppelt so häufig eine psychiatrische Störung zu entwickeln, als Kinder, die kein solches Erlebnis hatten. Fast jeder vierte mit traumatischen Erfahrungen entwickelte eine PTBS. Zu den Symptomen dieser Störung gehört es, dass man das Trauma immer und immer wieder durchlebt, etwa in Albträumen. Andere fühlen sich schuldig, ziehen sich zurück, sind reizbar, impulsiv oder haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren und zu schlafen.

Am häufigsten zeigte sich die Belastungsstörung bei Jugendlichen, die körperliche oder sexuelle Übergriffe erlebt haben. Wer schon mit einer Belastungsstörung zu kämpften hatte, der entwickelte sogar mit einer fast fünfmal so großen Wahrscheinlichkeit eine weitere psychische Störung, eine Psychose, eine Suchterkrankung oder vielleicht auch eine Depression. Die Hälfte der jungen Menschen mit einer PTBS hat sich schon einmal selbst verletzt, ein Fünftel versuchte sogar, sich das Leben zu nehmen.

Wenn Experten wüssten, wer nach einer traumatischen Erfahrung mit einer großen Wahrscheinlichkeit eine Belastungsstörung entwickelt, dann könnten sie diesen Menschen helfen, bevor sie solche Probleme entwickeln. Bisher ist so eine Vorhersage jedoch nur schwer möglich. Aus diesem Grund untersuchten die Wissenschaftler in einem weiteren Schritt, ob sich bekannte Risikofaktoren nutzen lassen, um die Wahrscheinlichkeit einer PTBS zu bestimmen. Für ihren Test arbeiteten die Wissenschaftler mit der Technik des maschinellen Lernens. In ihrer Studiengruppe funktionierte der Risikokalkulator schon recht gut. Sollte sich so ein Test auch in anderen Personengruppen und Studien beweisen, könnte er Experten dabei helfen, diejenigen Menschen zu identifizieren, die nach einer traumatischen Erfahrung ihre Hilfe brauchen. Von den untersuchten Zwillingen vertraute sich gerade einmal jeder fünfte einem Fachmann an. Dabei erholt sich ohne Behandlung nur ein kleiner Teil der Jungen und Mädchen mit PTBS.

„Unsere Ergebnisse sollten ein Weckruf sein“, sagte die an der Studie beteiligte Wissenschaftlerin Andrea Danese. Junge Menschen mit PTBS fielen durch das Pflegenetz, es gebe dringenden Bedarf für eine bessere psychische Gesundheitsversorgung. Auf Bevölkerungsgruppen anderer Länder lassen sich die Ergebnisse der Forscher nicht automatisch übertragen. In einer kürzlich erschienenen Studie, wurden 6000 Jugendliche aus den USA untersucht. Etwa 62 Prozent berichteten von erlebten Traumata. Die PTBS Prävalenz lag jedoch bei unter fünf Prozent (2).

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Quellen:

  1. Lewis SJ, Arseneault L, Caspi A, et al. The epidemiology of trauma and post-traumatic stress disorder in a representative cohort of young people in England and Wales. Lancet Psychiatry. 2019 Mar;6(3):247-256. doi:10.1016/S2215-0366(19)30031-8.
  2. McLaughlin KA, Koenen KC, Hill ED, et al. Trauma exposure and posttraumatic stress disorder in a national sample of adolescents. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry. 2013 Aug;52(8):815-830.e14. doi:10.1016/j.jaac.2013.05.011.