Der Kater im Erbgut

01. Mrz 2018

Woran liegt es, dass manche Menschen nach einem alkoholreichen Abend von einem Kater verschont werden, andere jedoch leiden müssen? Eine Gruppe von US-amerikanischen und australischen Forschern vermutet einen Teil der Lösung in den Genen. Da sind sie nicht die einzigen.

Alkohol gehört seit Jahrtausenden zur Kultur des Menschen, der erste Met hat Menschen wahrscheinlich schon vor rund 10.000 Jahren fröhlich beschwipst. Doch mit dem Genuss zog auch der Kater in ihr Leben ein. Der dröhnende Kopf am nächsten Morgen, die Übelkeit, das Zittern.

Allerdings ist von den schmerzlichen Folgen des Alkohols nicht jeder Mensch gleichermaßen betroffen. Während einige den Kater schon nach wenigen Gläsern mit voller Wucht zu spüren bekommen, müssen andere dafür sehr viel mehr trinken. Was steckt dahinter? Wissenschaftler um Wendy Slutske von der University of Missouri, haben 2014 mit Hilfe von Zwillingen nach einer Antwort gesucht (1). Wie es aussieht, hängt es auch von unseren Genen ab, ob wir am Tag nach einer Party leiden müssen.

Will man herausfinden, ob das Erbgut bei einer Eigenschaft wie der Kater-Empfindlichkeit seine Finger im Spiel hat, dann sind ein- und zweieiige Geschwister dafür ein gutes Mittel. Eineiige Zwillinge haben fast exakt die gleiche genetische Ausstattung, zweieinige Zwillinge teilen sich dagegen nur rund 50 Prozent ihrer Gene; eineiige wie zweieiige Zwillingen teilen sich aber in der Regel 100% der sozialen Umgebung. Zeigt sich daher eine Eigenschaft häufiger bei eineiigen als bei zweieiigen Zwillingen, dann liegt die Ursache vor allem im Erbgut.

Und so haben die Wissenschaftler 4496 eineiige und zweieiige Zwillinge nach ihren Katererfahrungen gefragt. Zuerst ging es um die Kater-Frequenz. Die Auswertung der Forscher lässt vermuten, dass 45 Prozent der Unterschiede bei den männlichen Zwillingen auf die Gene zurückzuführen sind. Bei den Frauen sind es dagegen nur 40. Außerdem gab es eine Überlappung an genetischen Faktoren, die sowohl bei der Kater-Häufigkeit eine Rolle spielte, wie auch bei der Frequenz, mit der sich die Probanden betranken. Als sich die Wissenschaftler dagegen anschauten, wer auch nach einem durchzechten Abend nur selten von Kopfschmerzen und Übelkeit heimgesucht wird, ging der Geschlechterunterschied verloren. 43 Prozent der Unterschiede lassen sich bei Männern wie bei Frauen laut Studie durch ihr Erbgut erklären. Das ist ein wichtiges Ergebnis. Geht man doch davon aus, dass Menschen, die nur selten an einem schweren Kater leiden, gefährdeter sind, in den Alkoholismus abzurutschen. Einen großen Einfluss auf die Kater-Frequenz, das zeigt die Studie aber ebenso, hat auch die Umwelt. Dazu gehört der Freundeskreis oder die Art und Weise, wie man mit Alkohol aufgewachsen ist.

Allerdings leidet die Untersuchung an einigen Schwächen. Die Daten der Forscher beruhen zum Beispiel allein auf den Erinnerungen der Probanden. Die Genauigkeit solcher Angaben ist fragwürdig. Andere Studien, mit einer ähnlichen Herangehensweise, deuten aber in eine ähnliche Richtung. So ergab eine Befragung von Zwillings-Veteranen aus dem zweiten Weltkrieg (2): Die zwischen den Geschwistern unterschiedliche Tendenz, sich zu betrinken, könnte bei 50 Prozent liegen. Den Einfluss der Gene auf das regelmäßige Erlebnis eines Katers bezifferten sie auf 55 Prozent.

Was aber sind das für Gene? Ein paar Faktoren, die für die unterschiedlichen Katererfahrungen verantwortlich sind, kennt die Wissenschaft bereits. Einer der wichtigsten heißt Acetataldehyd, ein Zellgift, das für den Körper nur schlecht verträglich ist. Viele Menschen mit ostasiatischer Abstammung etwa haben zwei Genvarianten, die dazu führen, dass sich Acetaldehyd in ihrem Körper ansammelt. Die erste Genvariante bewirkt, dass die Betroffenen Alkohol sehr viel schneller in Acetaldehyd umwandeln als die meisten Mitteleuropäer. Die zweite Genvariante bremst seinen Abbau. Die Substanz sammelt sich an und den Betroffenen geht es nach Alkoholkonsum häufig schlecht.

Liegt es auch an den Genen, dass Frauen meist schneller einen Kater bekommen als Männer? Dafür ist ihr höherer Körperfettanteil verantwortlich, glauben Experten. Denn Alkohol löst sich besser in Wasser als in Fett. Bei Frauen bleibt deshalb mehr Alkohol im Blut, auch wenn sie genauso viel getrunken haben wie ein Mann gleicher Statur.

Copyright © 2016-2017 Nicole Simon / Paul Enck. Alle Rechte vorbehalten.


Quellen:

1. Slutske WS1, Piasecki TM, Nathanson L, Statham DJ, Martin NG. Genetic influences on alcohol-related hangover. Addiction. 2014;109(12):2027-34. doi: 10.1111/add.12699. PubMed
2. Wu SH1, Guo Q, Viken RJ, Reed T, Dai J. Heritability of usual alcohol intoxication and hangover in male twins: the NAS-NRC Twin Registry. Alcohol Clin Exp Res. 2014;38(8):2307-13. doi: 10.1111/acer.12487. PubMed


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